Als Er kam, erkannte ich ihn nicht.
Unangeklopft war er hereingekommen, leise,
stand hinter mir, ich saß mit dem Rücken zur Tür,
er muss schon ein Weilchen, weiß Gott wie lange schon, hinter mir gestanden haben, als ich [seine] Anwesenheit spürte, wie es mir des öfteren passiert (es ist unheimlich).

Ich drehte den Kopf, und da war wer, ein gänzlich Unbekannter,
der mir doch irgendwie bekannt vorkam.
Ich meinte, ich hätte Bilder von ihm gesehen, vielleicht lagen gar noch welche in der Schreibtischschublade, aber nein, er glich deren keinem.
Er sah mich nur an, schweigend starrten wir uns an, ich weiß nicht wie lange,
vielleicht nur Sekunden.

»Nun«, sagte ich endlich, »ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind.« »Nein? Mein Name ist Gott«, sagte der Fremde.
»Na dann, guten Tag, Herr Gott! Sie sind gewiss der einzige dieses Namens, ich meinte, er sei für einen anderen, nämlich für einen ganz Anderen (wie manche seiner Experten behaupten) reserviert.«

Darauf sagte Er: »Sie haben Recht. Der Einzige und der Andere bin Ich.
Und wir sind uns schon unzählige Male begegnet, vielleicht unter anderen Namen,
die Sie mir, dem Begegnenden, geben […].«

Fridolin Stier

 

aus: Vielleicht ist irgendwo Tag, 162, F.H. Kerle 1981
(Rechte beim Verlag Katholisches Bibelwerk)

es war
im grenzlicht des morgens

der in stein gemeißelte letzte hauch
drängte zur umkehr

als der knebel zur seite rollte
fiel luft ins dunkel

und licht
ins ende

und spiegelte sich
im augenpaar der flügel

staub und stille
rührten sich nicht

trugen ohne verwunderung
das verlassene leinen

den einmaligen schmerz
der erhebung entgegen

im ersten knirschen
war das nichts vergangen

gnädig widerspenstig
strömte der uratem

draußen verlor sich eine träne
im stocken der frage

abgebrochen der atem
zwischen den blanken augen

sie stolperten
ins unverhofft offene

rauschender zweifel
zwischen den grünen ohren

eine ahnung von tanz
auf den lippen

vor dem ersten sonnenlicht
ein ungläubiges aufatmen

stefan voges