Kleines Wörterbuch
Hier erläutern wir die Sprachwelt des geistlichen Lebens. Die Begriffssammlung wächst, Anregungen sind willkommen.
Inhalt
Dankbarkeit
Wenn ich dankbar bin, bin ich in Beziehung – zu anderen, zur Schöpfung und in allem zu Gott, dem großen Geheimnis allen Lebens. Dankbarkeit ist die einfachste und tiefste Verbindung zu Gott, von dem wir uns selbst und alles, was ist, empfangen. Dankbarkeit ist schon Gebet. Da wird uns Gott zum Du, zum ewigen Du (auch wenn er nicht Person ist, wie wir Menschen Personen sind). (gl)
Exerzitien
Tage der Einkehr mit mindestens drei Übernachtungen in einem geschützten Rahmen. Eine geistliche Intensivzeit, die helfen soll, sich selbst und das eigene Leben in der Beziehung zu Gott tiefer wahrzunehmen und weiter zu entwickeln. Das Wort stammt vom lateinischen exercere = üben (vgl. engl. exercise). Wer „übt“, muss nicht schon alles „können“. Schweigen, Begleitgespräche, Impulse aus Bibel oder anderen Quellen, Körperwahrnehmungen, Meditation etc. unterstützen den ganzheitlich ausgerichteten, persönlichen Prozess. (glw)
Exerzitien im Alltag
Ein Übungsweg zuhause über 4-6 Wochen. Er will helfen, aufmerksam zu werden für die Gegenwart Gottes im eigenen Leben und in allen Dingen des Alltags. Teilnehmende erhalten Anregungen für das tägliche Gebet sowie für einen Tagesrückblick. Einmal pro Woche trifft man sich in einer Gruppe. Dann gibt es Übungen zur inneren Ruhe, Gespräch und Austausch, gemeinsame Zeiten der Stille sowie Impulse zum Weg durch die folgende Woche. (mk)
Geistliches Leben
Das tägliche Bemühen, im Alltag die Beziehung zum Göttlichen zu pflegen. Bei aller Innerlichkeit braucht das geistliche Leben Haltepunkte und Ausdrucksformen im Äußerlichen, z. B. feste Zeiten und bestimmte Orte. Rituale und Routinen wie Meditation, Gebet und das Lesen in der Bibel helfen, dem geistlichen Leben im Unberechenbaren des Alltags eine Beständigkeit zu sichern. Die regelmäßig geübte Aufmerksamkeit für die Gegenwart Gottes wiederum hilft, Lebendigkeit und Entwicklung im Leben mit Gott wahrzunehmen und daraus Kraft und Perspektive zu gewinnen. (sv)
Glaube
Oft sagt Jesus nach einer Heilung: „Dein Glaube hat dich gerettet!“ Dieser heilende, rettende Glaube war in keinem Fall der sich erst später entfaltende christliche Glaube. Er war nicht theologisch durchdacht, sondern pures Vertrauen in großer Not. So wichtig gute Theologie ist: entscheidend ist der Glaube als gelebtes Vertrauen. Diesen Lebensglauben entdecken wir gerade in der Begegnung mit Armen und Kranken. Und wir entdecken ihn auch in unserer Not und Lebensfreude – diesen senfkorngroßen Lebensglauben. (gl)
Heiliger Geist
Überraschende Inspirationen (wörtlich: Einhauchungen) kennt vermutlich jeder Mensch. Göttlicher Geist „weht, wo er will“ (Joh 3,8). Er beruhigt, bewegt und klärt unser „Chaos“ (Gen 1,1). Er will sich in unserer inneren und äußeren Unordnung realisieren, inkarnieren (einfleischen) und Frucht bringen. Doch bleibt er unfassbar. Im Glaubensbekenntnis nennen wir ihn „Lebendigmacher“. Er ist verbindende Energie. Diese Geistkraft, die in uns wohnt, ist zugleich immer dazwischen, immer „inter“: inter-konfessionell, inter-religiös, inter-kulturell, inter-national. Er macht uns interessiert an den Anderen, ohne die es bei uns keine Veränderung zu mehr Lebendigkeit gibt. (gl)
Ignatius von Loyola
Ínigo López de Loyola (1491-1556, dt.: Ignatius) wuchs im spanischen Baskenland auf und war quasi ein Zeitgenosse Martin Luthers. In einer existentiellen Lebenskrise fand er mit Anfang dreißig ein neues Weltbild und seine Mission. Zusammen mit Weggefährten gründete er in Folge den Jesuitenorden, dem er als Ausbildungselement eine dreißigtägige Meditationszeit in Stille mitgab, die sogenannten >Exerzitien. Am Ende seines Lebens diktierte Ignatius auf Wunsch seiner Mitbrüder für die Nachwelt seine Geschichte und seinen spirituellen Weg. Der „Bericht des Pilgers“ ist bis heute als sein geistliches Vermächtnis erhältlich. (pw)
Kontemplation
Das Wort kommt vom lateinischen Verb „contemplari“ und bedeutet „betrachten, schauen“. Es geht in der Kontemplation darum, zu Verweilen und aufmerksam wahrzunehmen, was gerade geschieht – und darin das Wirken Gottes in uns und unserem Leben zu erkennen. „Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und (…) offen zu halten“ (Simone Weil). Kontemplatives Beten ist Gebet in Stille, Sein in Gottes Gegenwart, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, Weg zur inneren Mitte und Quelle, Spüren von Atem und Leben, in allem zweckfrei und unverfügbar. (pw)
Mystik
Mystik ist eine tiefere Beziehung zum Mysterium, zum göttlichen Geheimnis unseres Lebens und allen Lebens. Weil der gesamte Kosmos diesem Geheimnis entspringt und dorthin zurückkehrt, hat alles, was ist, eine Verbindung zum Mysterium. Mystik ist die verborgene Mitte aller Religionen. Sie grenzt ans Unerfahrbare und Unsagbare. Mystik kommt vom Griechischen myein, d.h. Mund und Augen schließen, um ein Geheimnis zu hüten. Es ist das Anliegen aller Mystik, in diesen, uns mit allem verbindenden Grund einzutauchen und uns zu sammeln. Dazu gehört die umgekehrte Bewegung, von dorther gegründet und geklärt wieder aufzutauchen in eine „Mystik der offenen Augen“ (J.B. Metz) für die anstehenden Herausforderungen. (gl)
Pilgern
„Gehen ist des Menschen beste Medizin“ – das erkannte schon ein weiser Grieche im 6. Jhd. vor Christus. Pilgern ist nicht nur eine Wanderung von Ort zu Ort, es ist auch eine innere Reise zu sich selbst. Aufbruch aus dem Gewohnten, Entschleunigung, Unterwegssein mit leichtem Gepäck, Reduktion auf das Wesentliche, Abstand vom Stress des Alltags – das alles hilft, einfach mal loszulassen und Sinnfragen neu zu stellen. Ob religiös oder nicht: Pilgerinnen und Pilger machen auf ihrem Weg oft spirituelle Erfahrungen. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Was gibt mir Kraft für meinen Weg? Das Pilgern kann eine ganz praktische Hilfe sein, solchen Fragen Raum zu geben und den eigenen Weg mit Gott (wieder neu) zu entdecken. (mk)
Psalmen
Bei den Psalmen im Alten Testament der Bibel handelt es sich um 150 Lieder, Gebete und Gedichte unterschiedlicher Herkunft und Zeit. Generationen von Menschen – Juden wie Christen – haben mit ihnen im Angesicht Gottes zu leben versucht. Auch Jesus hat die Psalmen in jüdischer Tradition gebetet. Neben Bitten, Klagen und Hilferufen finden sich in den Psalmen wunderbare Texte voll Dank, Lob und Vertrauen. Gelegentlich wird geflucht, Feinde werden verwünscht. Manche Psalmen bleiben uns Heutigen fremd. Dennoch: Wenn sie über mehrere Jahrtausende hinweg bis heute überliefert wurden und immer noch gebetet werden, zeigt sich in ihnen etwas Kostbares, Bleibendes. (mk)
Religiosität
Die Übernahme von Glaubensüberzeugungen sowie die aktive Teilnahme an Leben und Ritualen einer organisierten Religionsgemeinschaft mit einem spezifischen Normen- und Traditionssystem. Davon zu unterscheiden ist der Begriff >Spiritualität, der seit den 1960er Jahren für die Sehnsucht nach einem Nicht-entfremdeten-Leben gebräuchlich ist. Vorgänger-Begriffe im christlichen Kontext waren bis dahin Frömmigkeit, Gottesfurcht, Askese und Mystik. (pw)
Retreat
Das englische Wort für „Rückzug“ bezeichnet meist mehrtägige spirituelle Auszeiten. Im deutschen wird dafür häufig das Wort „Einkehrtage“ verwendet. Beide Bedeutungen hängen zusammen: Der Rückzug aus Alltag und Gewohnheit ist die Voraussetzung, um bei sich selbst einkehren zu können. Retreat wird in verschiedenen Kontexten verwendet, für Yoga-Retreats ebenso wie für Zen-Meditationskurse oder christliche Exerzitien. (sv)
Straßenexerzitien
Wer sich darauf einlässt ist schlicht und einfach auf der Straße unterwegs und folgt den Bewegungen der eigenen Sehnsucht. Offen für ungewohnte Lebenswelten und fremde Menschen übt man, sich selbst, anderen und darin Gott zu begegnen: durch hinschauen, hinhören, riechen, tasten, schmecken, sich zu Herzen gehen lassen, anstecken lassen. Wesentlich ist der Austausch am Abend in kleiner Gruppe, bei dem Erfahrungen erzählt und angehört werden. Ende der 1990er Jahre wurde diese Form vom Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz (1943-2022) in Berlin-Kreuzberg entwickelt. Entstanden ist seitdem eine Frömmigkeitsbewegung von unten, die konfessionelle, soziale und bildungsmäßige Unterschiede überbrückt. (pw)
Nichts wollen, nichts wissen, nichts haben.
Spiritualität
Der Begriff wurde seit den 1960er-Jahren modern. Ganz allgemein ist er ein Platzhalter für Sinnsuche und Sinnstiftung. Konkret bezeichnet Spiritualität einen subjektiv erlebten Sinnhorizont, der dabei sowohl innerhalb als auch außerhalb traditioneller >Religiosität verortet sein kann. So gesehen ist Spiritualität allen Menschen zu Eigen, nicht nur religiösen. Christliche Spiritualität gründet sich in der Behauptung einer Offenbarung. Sie orientiert sich an „Gottes Spiritualität für uns“ (Magnus Striet), die Jesus von Nazareth mit seinem Angebot der Freundschaft der Welt nahegebracht hat. Die Antwort des Menschen ist Nachfolge, die sich in engagierten und verantwortungsbewussten Beziehungen zur Welt, zum Mitmenschen und zu sich selbst ausdrückt. (pw)
Weisheit
Weisheit ist vieles – mehr als Klugheit, oft den Alten zugeschrieben, in der Bibel Gottes Begleiterin bei der Schöpfung. Weise bedeutet wissend, und gleichzeitig ist Weisheit mehr als bloßes Wissen. Sie meint auch ein Kundig-Sein im Leben, beruht auf Erfahrung, bedarf sowohl der Einsicht als auch der Übersicht. Indem sie Zeit und Raum für ein ruhiges Betrachten des Lebens bieten, helfen geistliche Übungen, Weisheit zu gewinnen, schöpferische Gelassenheit für das eigene Leben und darüber hinaus. (sv)
Wüstentag
Diese Übung und Form kommt aus der geistlichen Tradition des 2022 heiliggesprochenen Charles de Foucauld (1858–1916). Charles de Foucauld hat viele Jahre in der Wüste gelebt und sie als geistlichen Ort erlebt: „Diese Stille, diese Sammlung, dieses von sich Fortscheuchen all dessen, was nicht Gott ist, ist nötig für unser Herz, damit Gott sein Reich darin aufrichten und die innige Verbindung mit sich schaffen kann.“ In diesem Sinn ist ein Wüstentag eine Zeit des Schweigens, des Fortscheuchens und des Gebets, eine Zeit, das Herz für Gott zu öffnen. (sv)